Billy Talent

Die Rocker hinterm Gartenzaun

People

Im Mittelpunkt von „Future of Audio“ – steht der Mensch. Einzelne Menschen mit Einfallsreichtum und Kreativität, die es wagen, ihre Vorstellungen in die Tat umzusetzen. Entscheider mit dem Willen, ihre Klientel durch neue Audiowelten zu erreichen. Klangenthusiasten, die uns mit innovativen Projekten Hörerlebnisse verschaffen, die unser Inneres bewegen. Mit „Menschen“ sprechen wir alle Musiker, Künstler, Toningenieure, Produzenten, Entscheidungsträger, Sound-Designer an, die unsere Welt zu einem sinnlichen  Klanguniversum werden lassen. 

Billy Talent haben Jahre gebraucht, um ihren eigenen Sound zu finden. Jetzt vibrieren sie vor Selbstbewusstsein – aber die Jungs machen immer noch das Frühstück für ihre Kinder und lieben ihr altes Toronto-Leben.

  • Autor: Janna Cramer
  • Fotos: Scottie Watson
  • Video: Dustin Rabin

  • Schnitt & Postproduktion Moodmacher
„Die Jungs vom Großen See nannten sich schließlich Billy Talent – nach einem Protagonisten im Punkbuch „Hard Core Logo“ von Michael Turner.“

Der Schnee muss weichen, denn Aaron Solowoniuk mag es gerne aufgeräumt. Für Toronto-Verhältnisse ist es wenig Schnee, vielleicht zweieinhalb Zentimeter. Das könnte man jetzt ignorieren. Doch Aaron will es ordentlich haben vor der Studiotür seiner Band, deswegen nimmt er sich die Schneeschippe und schaufelt drauf los. Zwischen den anderen Bewohnern im Süden von Toronto fällt Aaron nicht weiter auf – ein blasser Mann in wadenhohen Winterschuhen, dem der Jeansstoff um die Oberschenkel schlackert. Schneeschippen ist Teil seines Alltags, im Januar am Lake Ontario, auf minus 20 Grad soll das Thermometer bald wieder fallen. In einem entscheidenden Punkt ist Aarons Alltag aber anders als der seiner Nachbarn: Er spielt Schlagzeug bei Billy Talent, einer der bekanntesten Punkrockbands der Welt. Die hat zuletzt ein Best-Of-Album rausgebracht und dabei ihr neues Selbstbewusstsein entdeckt.

Bassist Jon Gallant zum Beispiel: „Ich glaube nicht, dass wir noch von anderen Bands beeinflusst werden. Wir haben hier unser eigenes Ding, wir lassen uns höchstens noch inspirieren.“

Doch bis dahin war es ein langer Weg: Als Sänger Ben Kowalewicz, Gitarrist Ian D’Sa und die anderen beiden noch als Schülerband unterwegs waren, coverten sie die Songs ihrer Idole: Soundgarden und Pearl Jam, ständig spielten sie Rage Against the Machine. „Das war die Musik unserer Generation,“ sagt Ian, „solche Einflüsse lassen dich nie wieder los.“

Seit 1993 gibt es sie offiziell, damals nannten die vier sich noch Pezz und spielten in Clubs der Indie-Szene von Toronto, dann gab es Ärger mit einer US-amerikanischen Band gleichen Namens und die Jungs vom Großen See nannten sich schließlich Billy Talent – nach einem Protagonisten im Punkbuch „Hard Core Logo“ von Michael Turner. Das Missverständnis, Frontmann Ben heiße Billy Talent, hält sich seitdem hartnäckig. Mittlerweile spielen sie seit 22 Jahren zusammen, immer diese vier. Sie sind zusammengewachsen, auch musikalisch. Denn wer sie sind und welchen Sound sie anstreben, das mussten sie erst noch herausfinden.

Musste zu dem Anlass mal ein Meilenstein her?

Da war zum Beispiel die Sache mit der Stimme. Noch auf dem Album „Watoosh“, das sie als Pezz veröffentlichten, klangen sie wie das, was sie damals waren: eine durchgeknallte, punkrocktrunkene Teenagerband, die Songs voll irrem Geschrei und Ska-Beats. Ben Kowalewicz fand irgendwann einen anderen Zugang zu seiner Stimme: Spätestens auf der Platte „Dead Silence“, ihrer vierten als Billy Talent, setzt er sie mehr und mehr wie ein Instrument ein – Brüllanfälle wie in „Devil in a Midnight Mass“ („Billy Talent II“) gehören seitdem der Vergangenheit an. In diesem Jahr werden Jon, Ben und Ian 40, Schlagzeuger Aaron war schon 2014 dran.

„Diese Rockstars hinterm Gartenzaun — sie sind auf einer Mission.“

Wenn Billy Talent Meilensteine setzt, werden die in ihrem Studio in einer ruhigen Gegend von Toronto gemeißelt. Hierher kommen sie mehrmals die Woche, hängen ab, spielen allein oder gemeinsam auf ihren Instrumenten, probieren Melodien aus. Zwischendurch holen sie sich nebenan beim Kiosk warme Hühnersuppe in Styroporbechern und Kaffee. Das Studio mit den Kieferndielen und den Teppichen in Perser-Optik, das ehemalige Requisitenlager einer Filmfirma, ist zu ihrem gemeinsamen Rückzugsort geworden. Hier diskutieren sie über das Weltgeschehen, Ian und Ben schreiben Zeilen für neue Songs auf, hier fällen sie Entscheidungen für die Zukunft von Billy Talent.

Eine dieser Entscheidungen war die Best-Of-Platte „Hits“, die zehn Jahre ab 2004 einfängt und seit November auf dem Markt ist. Kurz nach Erscheinen brach im Internet Panik aus: Lösen sie sich jetzt auf? War es das? Würde passen, wäre konsequent in ihrem Alter, denn sie haben Ehefrauen, Kinder, Häuser. Sind vielleicht nicht mehr der Inbegriff des Punkrock. Spricht man sie darauf an, machen sie große Augen: „Darüber hatten wir gar nicht nachgedacht, bis alle im Netz ausgeflippt sind“, sagt Ben. 1,5 Millionen Fans haben sie bei Facebook – mit einem Post auf ihrer Timeline haben sie die Trennungsgerüchte dann zerstreut.

Eigentlich sei das Album ja viel mehr als nur ein Best-Of. „Wir wollten mit damit an unser nächstes anknüpfen“, sagt Aaron. „Deswegen sind auch zwei neue Songs drauf, ‚Kingdom of Zod’ und ‚Chasing the sun’.“ Die neue Platte soll spätestens Anfang 2016 erscheinen, bis dahin igeln sie sich im Studio ein und schreiben Songs, die Liste mit den Arbeitstiteln hängt an der Wand gegenüber vom Schlagzeug. „Nicht zeigen, nicht zeigen“, rufen sie dem Kameramann zu.

„Ich finde es einzigartig, dass wir solange zusammen sind“, sagt Ben. „Unsere große Stärke“, findet er, „sind Ians Songschreibertalent und sein Gitarrenspiel. Ich habe noch nicht viele Menschen auf der Welt so Gitarre spielen sehen wie ihn.“ An bisherigen Platten hat Ian D’Sa auch als Produzent gearbeitet, der Mann mit der Aufstellfrisur ist der Allrounder unter den Vieren, späht nachts in Clubs nach guten neuen Bands und baut beim Drehtermin auch noch die Mikros mit auf. „20 Minuten“, sagt Ian, „solange brauche ich morgens für meine Haare.“

Hier am Lake Ontario sind die Musiker Rockstars hinterm Gartenzaun. „Ich stehe immer morgens um viertel nach sechs auf, mache mir einen Kaffee und schaue Frühstücksfernsehen“, sagt Aaron, „denn nach dem Wetterbericht weiß ich, wie ich meine Kinder für die Schule anziehen muss.“ Aarons Kinder sind drei und elf Jahre alt, wenn er sie zum Kindergarten und zur Schule gebracht hat, fährt er irgendwann ins Studio – Schlagzeug üben. „Ziemlich cool, wenn man sich das mal überlegt.“ Auch Jon hat zwei Kinder, Ben ist verheiratet. Dass sie als Billy Talent auf der ganzen Welt bekannt sind – was zählt das hier schon?

Die vier sind zusammen zur Schule gegangen, an der katholischen Our Lady of Mount Carmel Secondary School in Mississauga, einer 700.000-Einwohner-Stadt westlich von Toronto. Ein Dutzend Mitschüler aus ihrer High-School-Zeit zählen sie noch immer zu ihrem Freundeskreis, sie gucken zusammen Hockey und essen dabei Chickenwings. Wie aus katholischen Schülern am Ende Punkrocker geworden sind, wissen Billy Talent vielleicht selbst nicht so genau.

„Es ärgert mich, dass meine Eltern mich da hingeschickt haben“, sagt Jon. „Ich habe da Sachen gelernt, die nicht wahr sind.“

„Aber der katholische Glaube“, findet Ian, „predigt gute Lehren wie, dass man anderen Menschen gegenüber wohlgesonnen sein soll.“

„Ich glaube nicht an Gott“, sagt Jon.

Die High School mit dem Anspruch, gläubige Katholiken aus den Schülern zu machen, hat bei den Musikern von Billy Talent aber eher das Gegenteil bewirkt, sie kritisch gegenüber der Welt gemacht. Ihre Songs erzählen davon, der „Viking Death March“ über Korruption und unehrliche Politiker, von sozialer Ausgrenzung wie in „Fallen Leaves“ und „River Below“. Im Studio haben sie über den Anschlag auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ diskutiert – wenn sie davon erzählen, spürt man ihr Entsetzen. Auch auf dem neuen Album verarbeiten sie Konflikte auf der Welt, „ich gucke jeden Abend die News-Show ‚The National’ mit Peter Mansbridge“, sagt Ian, und Ben findet „die Welt momentan einfach irre.“

Sie schreiben jetzt an einem Song, der den gewaltsamen Tod des schwarzen Teenagers Trayvon Martin in Florida aufgreift.

Die Rocker hinterm Gartenzaun: Sie haben eine Mission.