Chilly Gonzales

Der klassische Pop-Star

People

Im Mittelpunkt von „Future of Audio“ – steht der Mensch. Einzelne Menschen mit Einfallsreichtum und Kreativität, die es wagen, ihre Vorstellungen in die Tat umzusetzen. Entscheider mit dem Willen, ihre Klientel durch neue Audiowelten zu erreichen. Klangenthusiasten, die uns mit innovativen Projekten Hörerlebnisse verschaffen, die unser Inneres bewegen. Mit „Menschen“ sprechen wir alle Musiker, Künstler, Toningenieure, Produzenten, Entscheidungsträger, Sound-Designer an, die unsere Welt zu einem sinnlichen  Klanguniversum werden lassen. 

Er hält den Weltrekord im Dauer-Klavierspielen, tritt als Rapper und Musiklehrer auf. Jetzt hat der kanadische Tausendsassa Chilly Gonzales eine Platte mit Kammermusik veröffentlicht – Pop als Klassik. Oder umgekehrt?

  • Autor: Carlo Roschinsky
  • Fotos: Alexandre Isard
„Ich habe Popstar-Fantasien! Ich will an der Zimmerdecke tanzen! Ich bin ein Mann meiner Zeit!“

Einem Pianisten schaut man eigentlich zuerst auf die Hände. Nicht diesem hier. Diesem starrt man auf sein Brusthaar, das dem bis zum Nabel aufgeknöpften Hemd entquillt, gleich einem Urwald, der sich Terrain erobern will. Der Musiker Chilly Gonzales tritt aus dem Hausflur und späht die Brunnenstraße entlang. Dann bittet er in eine Wohnung, die nicht seine ist. Angemietet über Airbnb, im Salon steht ein Klavier, das musste natürlich sein, das war Bedingung. Etliche Jahre hat der Mann aus Montreal in Berlin gelebt und passt eigentlich ganz gut nach Mitte, mit der Flanellhose, den Slippern, an der grauen Strickjacke klemmt sogar ein Button. Und die Brustwolle, die ist wohl Teil der Show.

Gonzales parliert kurz mit seiner Assistentin auf Französisch, sie hat ihm die flugzeugkompatible Reisehygiene besorgt, am Abend geht es weiter nach Paris. Er wirft sich auf das Sofa gegenüber dem Klavier und entfaltet sein Charisma – wie die ungezähmte Körperbehaarung breitet sich der Charme des Kanadiers aus, Terrain erobernd. Es ist die Aura eines Querdenkers, den es nicht kümmert, was die Kritiker von ihm halten. Der Grenzen einreißt, Horizonte erweitert. Und dem glückt, was er anpackt. Vor zwei Tagen hat er die Berliner Philharmonie ausverkauft und sein Publikum in orgiastischen Jubel versetzt. Chilly Gonzales, das ahnt man schnell, ist viel zu groß für Berlin-Mitte.

Vom handtellergroßen Button grinst Franz Liszt, erster Popstar der Klassik. Und schon ist man beim Thema, um das es gehen soll, um das es bei Chilly Gonzales eigentlich immer geht: der Vermengung von Klassik und Pop. Mit dem Kaiser Quartett aus Hamburg hat der 43-Jährige gerade ein Album eingespielt, das an der Schnittstelle beider Genres liegt. „Chambers“ ist Kammermusik. ""Aber für mich“, sagt der Meister, „ist das auch Pop. Nur anders gemacht. Es gibt kein Schlagzeug und keinen Sänger. Aber es ist trotzdem Pop.“

Als Popstar ist Gonzales bekannt geworden. Er hat Elektro-Alben veröffentlicht und mit den Indie-Größen Feist und Peaches musiziert, er hat den Briten Jamie Lidell und die französischen Synthie-Popper Daft Punk produziert, hat mit etlichen Rappern kollaboriert. Sich selbst gab er selbstironisch einmal den Künstlernamen „Worst MC“, schlechtester Rapper. 2011 veröffentlichte Gonzales „The Unspeakable“, das erste Rap-Album der Geschichte mit orchestralen Arrangements, die in ihrer dunklen Wucht an Kino-Soundtracks erinnerten (sein Bruder, der erfolgreiche Filmkomponist Christophe Beck, war mit von der Partie). Und als die Musikbranche Chilly Gonzales gerade als Pop-Entertainer wahrgenommen hatte, brachte er einfach zwei Solo-Piano-Alben heraus – instrumentale Eigenkompositionen, die mit Minimalismus und Melodienreichtum Kritiker wie Publikum begeisterten.

Er sei ein musikalisches Genie, sagt Chilly Gonzales oft, nicht immer mit Ironie. Geboren wurde er als Jason Charles Beck. Das Klavierspielen brachte er sich früh bei, sein Talent schimmerte sofort durch. Der kleine Jason, vom klavierbegeisterten Großvater geschult, spielte Stücke von Debussy und Schostakowitsch. Nahm dann Unterricht, studiert an der Universität in Montreal Komposition und Jazz-Piano.

Damals durchdringt er die Klassik, aber die 70er und 80er sind auch die Ära des Pop. Chilly Gonzales schaut im Fernsehen Glenn Gould bei der Bach-Interpretation zu dann schaltet er zu MTV. Michael Jackson. Queen. Morrissey. In beiden Welten fühlt er sich zu Hause. Diese Offenheit, sagt er, habe er auch immer an seiner Heimatstadt geschätzt: Montreal sei „die perfekte Mischung aus Europa – Kunst – und Amerika – Entertainment –, und ich sehe mich als jemanden, der ebenfalls beides verkörpert“.

1999 zieht er nach Berlin und wird, hier erst offiziell, zu Chilly Gonzales. Ein Alter Ego, ein XXL-Ego, eine schurkenhafte Kunstfigur. Er tritt in Clubs auf, textet ironische Reime auf seine Klavierweisen, probiert sich in verschiedenen Musik-Genres. Ein Dutzend Platten bringt er selbst heraus, produziert ansonsten für Kollegen. 2009 macht er durch eine Kuriosität auf sich aufmerksam: Er bricht den Guinness-Rekord im Dauer-Klavierspielen, 27 Stunden, 3 Minuten und 44 Sekunden haut er in die Tasten, 300 Songs am Stück. Ein Jahr später wird eine Nummer von ihm weltberühmt: Apple wählt Gonzales’ „Never Stop“ zum Soundtrack seiner iPad-Kampagne. Die Fan-Gemeinde wächst.

„Das Publikum ist wie eine schöne Frau. Man will ihr Komplimente machen, sie unterhalten, sie kennenlernen.“

Damals wie heute ist es beeindruckend, mit welcher Verve Gonzales seinen Flügel attackiert, wie er sich hineinwirft in dieses Instrument. Routine scheint dem Virtuosen fremd, er spielt jede Show, als könnte es die letzte sein. Trägt seidene Morgenmäntel und Pantoffeln. Schwitzt. Schreit. Witzelt. Turnt. „Ich bin ein Sklave meiner Zuhörer. Ich denke die ganze Zeit daran, was ihnen gefallen könnte. Das Publikum ist für mich wie eine schöne Frau, die man kennenlernen will, der man ein Kompliment macht, die man unterhält“, erklärt Gonzales auf dem Sofa.

Auch „Chambers“ ist, obgleich Kammermusik, wieder absolute Verführung geworden: Die Stücke sind kurz, drei Minuten meist, unprätentiös und charmant, sie gehen auch ohne Lyrics ins Ohr; sie klingen, so schrieb ein Kritiker, „wie von Erik Satie, der morgens aus einem Club kommt und eine Melodie im Kopf hat“. Gonzales hat die Stücke Kollegen wie den Rappern Rick Ross und Juicy J. gewidmet, aber auch Mendelssohn und Heinrich VIII. gehören zu den Bedachten. „Advantage Points“ ist für die Tennislegende John McEnroe, bei „Freudian Slippers“ dankt er dem Unterbewussten – und so ist das Album, in seiner ganzen Konzeption und Referenzialität, nichts anderes als Pop. Es ist verrückt. Aber es funktioniert.

„Es gibt keine neue Musik. Es gibt keine neuen Instrumente und keine neuen Noten. Selbst das Prinzip des Sampelns, wie es der Rap kennt, wurde schon von Haydn verwendet, der hat in seinen Sinfonien Mozart zitiert, es war so eine Art Witz zwischen den beiden. Alles in der Musik war schon mal da“, doziert Gonzales.

Er ist auch als Musiklehrer unterwegs: Im vergangenen Jahr hat er ein Übungsprogramm für Klavierspieler veröffentlicht, „Re-Introduction Etudes“, eine Sammlung leichter, gefälliger Stücke. Er hält Vorlesungen, seine „Masterclasses“ sind heiß begehrt: Da setzt er sich in Buchhandlungen und Gemeindesälen ans Klavier und räsonniert über seine Kunst. Darüber, dass es kein Gefälle zwischen „hoher“ und „unterhaltsamer“ Musik gibt, dass Klassik und Pop nach den gleichen Mustern funktionieren.

Mit dem deutschen Komiker Helge Schneider liefert er sich eine Zeitlang „Musik-Kriege“ am Klavier, die beiden improvisieren und kommentieren ironisch das Spiel des anderen. Seine Pop-Anhänger lieben diese Performances. Die Klassik-Szene muss sich an Einfälle erst gewöhnen: So reagierten Orchestermitglieder der BBC-Symphoniker, mit denen er 2012 ein Konzert in der Londoner Barbican Hall bestritt, recht irritiert, als er die Zuschauer zum Crowdsurfing aufforderte und sich auf Händen durch den Saal reichen ließ.

Derzeit ist Gonzales – der nach einigen Jahren in Paris nun wieder in Deutschland lebt, in Köln – mit dem Kaiser Quartett auf Europa-Tournee. Wurmt es ihn, dass er von den Institutionen der klassischen Musik nicht wirklich verstanden wird? Dass sich manche Konzertsäle sogar gegen ihn sperren?

Klassische Musik sei tot, winkt er ab. Die Branche habe sich selbst umgebracht. Er wolle gar nicht zu ihrem Inventar gehören. „Ich habe beschlossen, ein Mann meiner Zeit zu sein“, sagt er.

Dann wird er laut, beugt sich vor, gerät in Rage. „Der klassische Musikmarkt passt nicht zu mir und zu meinen Fantasien. Ich wollte immer schon Popstar sein! Ich wollte Musikvideos! Ich wollte an der Zimmerdecke tanzen – wie Lionel Richie! Aber gleichzeitig wollte ich nie mein Klavierspiel aufgeben und meine romantischen Vorstellungen vom Musikmachen.“

Der Meister schüttelt den Kopf. Beugt sich vor, lehnt sich zurück. Lauscht in sich hinein. Und sagt dann: „Die Institutionen der Klassik machen sich noch nicht mal die Mühe, meine Musik anzuhören. Ich bin einfach nur froh, dass ich die Kraft hatte, diese Welt zu verlassen. Die meisten, mit denen ich zur Schule gegangen bin, hängen immer noch in diesem System fest. Aber meine Musik ist für alle Menschen.“